Christian Wolffs Einordnung des Witzes in die ars inveniendi (Teil I)

Zweifelsohne birgt es eine gewisse Brisanz, dass der gemeinhin als Hauptvertreter der deutschen rationalistischen Schulphilosophie eingeordnete Christian Wolff dem Witz resp. dem ingenium eine derart prominente Rolle zugeschrieben hat und damit über G. A. Baumgarten, J. C. Gottsched, C. Meier, J. G. Sulzer und I. Kant ein rhetorisches Element in die Philosophie hereingeholt hat, das es manch einem Antirhetoriker des 17. und 18. Jahrhunderts sicherlich kalt den Rücken herunter gelaufen ist. Allerdings muss man mit solchen Aussagen, die Wolff als großen “Affirmator des Witzes” darstellen, vorsichtig umgehen und zuvor analysieren, welche genaue diskursive Funktionalisierung er mit dem Begriff „Witz“ verfolgt.

Zuallererst bleibt festzuhalten, dass Wolff den Witz resp. das ingenium überwiegend in seinen populärphilosophischen Schriften und in seiner Psychologia empirica behandelt. Dabei ist die von ihm ausgearbeitete Psychologia empirica ein konstitutiver Bestandteil der so genannten Metaphysica specialis. Die Metaphysik von Wolff teilt sich in die Metaphysica generalis: Ontologia und in die Metaphysica specialis: Cosmologia, Theologia und Psychologia, wobei die Psychologia weiter differenziert wird in eine Psychologia rationalis und eine Psychologia empirica. Dabei drückt der Titel Psychologia empirica im Gegensatz zu der Psychologia rationalis aus, dass es sich um eine reine Erfahrungswissenschaft handelt, die empirische Erkenntnisse durch Beobachtungen sammelt und darstellt. Gleichsam zählt sie jedoch nicht nur die gewonnenen Erkenntnisse auf, die man an der menschlichen Seele beobachtet, sondern sie entwickelt zugleich Begriffe von den Vermögen und von den Fertigkeiten dieser Seele. So heißt es in der Psychologia empirica: „Quotnam sint animae facultates & quales sint, in Psychologia empirica declaramus.“(1)

Weshalb stellt jedoch Wolff  das ingenium als facultas in einen Kontext mit der Kunst zu erfinden? Wolff unterscheidet grundsätzlich zwei Arten zu erfinden, zum einen durch Versuche und Fleiß und zum anderen durch Verstand und Witz. Geht der erste Strang also auf eine experimentelle Erfahrungswissenschaft zurück, so verweist der zweite Strang auf die Kunst zu schließen. Dabei unterscheidet er die Regeln des Witzes und Verstandes folgendermaßen: „Es gehören […] zum Erfinden zweierlei Arten der Regeln. Einige werden von dem Verstande; andere von dem Witz hergeleitet. Unter die erstere gehören die Regeln der Schlüsse; von den anderen ist der Grund der Verkehrung ein Exempel“.(2) Dabei versetzt der Grund der Verkehrung in die Lage, Schlüsse ohne festes kategoriales Regelsystem anzustrengen. Wolff schreibt: “[…] Zum Erfinden gehören noch einige Regeln, dadurch man in den Stand gesetzt wird, einen Anfang im Schließen zu machen. Dergleichen Regeln ist, dass man das Unbekannte, so man suchet, in etwas gleichgültiges, so einem bekannt ist, zu verkehren suchet, welche ich den Grund der Verkehrung nenne, [...].“(3) Als Exempel für einen Grund der Verkehrung gibt Wolff den Vergleich des Geld-Zählens mit Münzen und der mathematischen Operation des Addierens an. Schließlich schreibt er: „Man sieht aus den gegebenen Exempeln, dass man einen Fall in den anderen verkehret wegen der Ähnlichkeit, die sie miteinander gemein haben. Und gehöret demnach zu hurtigem Gebrauche des Grundes der Verkehrung, dass man die Ähnlichkeit leicht wahrnehmen kann. Wer hierzu aufgelegt ist, den nennet man sinnreich. Und die Leichtigkeit die Ähnlichkeit wahrzunehmen, ist eigentlich dasjenige, was wir Witz heißen. Also gehöret außer der Kunst zu schließen zum Erfinden auch Witz, und man kann ohne diesen durch jene allein nicht zu rechte kommen: […].“(4)

Veröffentlicht in Allgemein, Theorien des Witzes | Getagged , , | Kommentieren

III. Definition des Witzes – Christian Wolff

(§ 476) “Facilitatem observandi rerum similitudines Ingenium appellamus.” (1)

dagegen:

(§ 332) “Facultas in uno multa distinguendi dicitur Acumen.” (2)

und zur Erklärung:

“Der Witz ist eine Leichtigkeit die Ähnlichkeiten wahrzunehmen: alles demnach, was dazu hilft, dass wir die Ähnlichkeit wahrnehmen, bringt uns zu größerem Witz. Zwei Dinge sind einander ähnlich, wenn dasjenige, woraus man sie erkennen und voneinander unterscheiden soll, einerlei ist. Wer demnach die Ähnlichkeit zweier Dinge entdecken will, derselbe muss sich bemühen alles voneinander zu unterscheiden, was verschiedenes in einer Sache angetroffen wird, und was er von zwei oder mehreren Dinge auf dergleichen Weise angemerkt, gegeneinander halten: so wird es sich weisen, ob sie einerlei sind oder nicht, und folgendes wie weit zwei Dinge einander ähnlich sind.” (3)

Veröffentlicht in Definitionen | Getagged , , , | 1 Kommentar

II. Definition des Witzes – G. A. Baumgarten in der Metaphysica (1757)

(§ 572) “Habitus identitates rerum observandi est INGENIUM STRICTIUS DICTUM (eigene Anmerkung: Witz im engeren Sinne).” Zu den identitates zählt Baumgarten: congruentias, aequalitates, proportiones und similitudines.

dagegen:

(§ 573) “Habitus diversitates rerum observandi ACUMEN (eigene Anmerkung: Scharfsinn) est.”

zusammen:

(§ 573) “Acutum ingenium es PERSPICACIA (eigene Anmerkung: eine durchdringende Einsicht).”

und:

(§ 575) “Identitates diversitatesque rerum vel distincte percipio vel sensitive. Hinc facultates identitates diversitatesque percipiendi, adeoque ingenium, acumen et perspicacia, vel sensitiva sunt vel intellectualia.” (1)

Veröffentlicht in Definitionen | Getagged , , , | Kommentieren

Am Anfang war …

Begriffsgeschichtlich bietet der Witz eine schier endlose Aussagenverkettung von Erläuterungen – der hat das geschrieben, weil der jenes und jener dieses schrieb. Vielleicht mag dies der Grund sein, weshalb der Witz so häufig zu begriffsgeschichtlichen Untersuchungen herangezogen wird (1). Und in der Tat eignet er sich hervorragend zu solchen Analysen. Über all die diskursiven Feinheiten, die eine solche begriffsgeschichtliche Betrachtung erst möglich machen und die ja auch notwendig ist, gibt es doch für die Interpretation einen klaren Bezugspunkt, wo der Witz diskursiv gerahmt wurde. Dieses Framing findet sich in der aristotelischen Philosophie und dies, man mag es kaum glauben, gleich unter dreifacher Perspektive – in der Rhetorik, Poetik und Topik.

In diesen Schriften von Aristoteles finden sich die Zeichen der Herkunft, weshalb Jahrhunderte später – begonnen mit der Renaissance des rhetorischen Denkens – der Witz als ingenium sowohl in einen Kontext mit der rhetorischen und poetischen Tropenbildung als auch mit der Begriffsbildung und Heuristik einer Erfindungskunst gestellt wurde. Ausschlaggebend für den diskursiven Rahmen des Witzes ist eine Textstelle aus der Poetik, in der das Verhältnis einer besonderen Begabung εύφυϊα, das spätere lateinische ingenium, zur Metaphernbildung beschrieben wird. Es heißt: „[…] es ist bei weitem das Wichtigste, dass man Metaphern zu finden weiß. Denn dies ist das Einzige, das man nicht von einem anderen lernen kann, und ein Zeichen von Begabung (εύφυϊα). Denn gute Metaphern zu bilden bedeutet, dass man Ähnlichkeiten zu erkennen vermag.(2) εύφυϊα ist also eine Voraussetzung für die Bildung von gelungenen Metaphern und diese Voraussetzung liegt in dem Akt, Ähnlichkeiten zu erkennen. Diese kognitive Voraussetzung für das Bilden von Metaphern wird in der Rhetorik weiter ausgeführt. Dort heißt es: „Metaphern sollen, wie oben gesagt, aus verwandten nicht offenkundigen Dingen gebildet werden, wie es ja auch in der Philosophie Charakteristikum eines richtig denkenden Menschen ist, Ähnliches auch in weit auseinanderliegenden Dingen zu erkennen. Archytas beispielshalber sagte, ein Richter und ein Altar seien dasselbe, denn zu beiden nehme der, der Unrecht erfährt, Zuflucht.“(3) Beide Aspekte, sowohl die Beziehung der besonderen Begabung zur rhetorischen Tropenbildung als auch der Akt eines Erkennen des nicht Offenkundigen durch die Zusammenstellung entfernter Dinge, sind im lateinischen ingenium und späteren Witz mit aufgenommen worden. Aber nicht nur in der Poetik und Rhetorik findet sich die Beziehung der Metapher auf die Analogie und von dort auf eine eigentümliche Ähnlichkeitenwahrnehmung und besonders begabten Disposition zu dieser, auch in der Topik als Organon (Werkzeug) der dialektischen Argumentation aus anerkannten Meinungen entdeckt der Leser das Sehen des Ähnlichen als konstitutives Vehikel topischer Argumentation. So schreibt Aristoteles zum Ende des ersten einführenden Buchs in der Topik: „Die Betrachtung des Ähnlichen ist nützlich für die induktiven Argumente und für die Deduktionen aus Voraussetzungen und für die Formulierung von Definitionen.“(4) Aristoteles schreibt also dem Betrachten des Ähnlichen als Organon kognitiver Akte per se einen Wert zu, er räumt insofern ein, dass das Sehen des Ähnlichen ein Modus der Welterschließung ist. Zudem hebt er in der Rhetorik hervor, dass die durch Analogie gebildete Metapher, die beim Zuhörer eine lebendige Plastizität produziert, Verstehen und Erkenntnis vermittelt. (5)

Insgesamt bleibt festzuhalten, dass Aristoteles entscheidend den diskursiven Rahmen, wie in den späteren Jahrhunderten über das ingenium und den Witz gesprochen wurde, geprägt hat. Und auch heutzutage ist er aus den spannenden Diskussionen über den Erkenntniswert von Metaphern nicht wegzudenken. Der Hinweis auf die herausragende philosophische Abhandlung Paul Ricoeurs La métaphore vive soll an dieser Stelle ausreichen, um den Beitrag von Aristoteles wertzuschätzen – die Idee Ricoeurs, die prädikative Struktur der lebendigen Metapher als Spannungsverhältnis zwischen Sein und Nicht-Sein zu beschreiben, die einen Spielraum für Neubeschreibungen schafft, ist unter anderem seiner Auseinandersetzung mit der aristotelischen Metapherntheorie geschuldet.

Der hier zu proklamierende Witz wird dieser lebendigen Metapher im Übrigen die Hand reichen!

Veröffentlicht in Einführung | Getagged , , | Kommentieren

Zwischenspiel in anderer Sache – Herr Aussichtslos

Aussichtslos, mein Name, ich bin der direkte Nachkomme der Hoffnung, Ihn dürften Sie doch wohl bereits kennen gelernt haben, Sie wissen schon bevor Sie mich kennen lernten und so, ja, jetzt ziehen Sie aber nicht so ein krauses Gesicht, mit mir kommt man auch gut klar, da kann ich Sie beruhigen, andere haben es auch geschafft, es bedarf zwar ein wenig mehr Zeit als mit dem Herrn Hoffnung, dafür kann ich Ihnen aber versprechen, dass ich Sie niemals enttäuschen werde, aussichtslos bleibt eben aussichtslos und Treue ist doch ein Geschenk des Himmels, nehmen Sie es also gelassen, hadern Sie nicht, denn ein paar Jahre noch, mit mir aussichtslos zu leben, schadet nicht, bevor, Sie wissen ja, begrenzte Zeit und so.

Veröffentlicht in Kein Witz | Getagged , , | Kommentieren

Aufzeichnungen über den Witz – G. C. Lichtenberg

„Wenn Scharfsinn ein Vergrößrungs-Glas, so ist der der Witz ein Verkleinerungs-Glas. Glaubt ihr denn dass sich bloß Entdeckungen mit Vergrößerungs-Gläsern machen ließen? Ich glaube mit Verkleinerungs-Gläsern, oder wenigstens durch ähnliche Instrumente in der Intellektual-Welt sind wohl mehr Entdeckungen gemacht worden. […].“ (1)

Anmerkung: Geht also nach Lichtenberg der Scharfsinn auf das Besondere, so geht der Witz auf das Allgemeine. Sprichwörtlich sieht der Scharfsinn den Wald vor lauter Bäumen nicht und der Witz sieht Wald, wo unterschiedliche Bäume sind.

Veröffentlicht in Aufzeichnungen | Getagged , , | Kommentieren

Begriffe in Bewegung

Ludwig Wittgenstein verglich in den Philosophischen Untersuchungen die Sprache mit einer alten Stadt – „ein Gewinkel von Gässchen und Plätzen, alten und neuen Häusern mit Zubauten aus verschiedenen Zeiten: und dies umgeben von einer Menge Vororte mit geraden und regelmäßigen Straßen und mit einförmigen Häusern.“(1) Diesen Vergleich als Warnschild hochgehalten, sei darauf hingewiesen, dass der hier verhandelte Witzbegriff zunächst wenig mit dem heutigen Gebrauch von Witz gemeinsam hat. So sei mittels einer Metaphorik angezeigt, dass der Witz im Zuge des 19. Jahrhunderts einer gewaltigen städtebaulichen Maßnahme unterworfen war. Er wurde aus den Vierteln, die eine Beschreibungssprache für die Anthropologie, Erkenntnistheorie, Rhetorik und Ästhetik lieferten, migriert in die Vergnügungsviertel der Stadt. Anders ausgedrückt: Der Witz als konstitutives Rad im Gesamtgetriebe menschlicher Vermögen, nämlich, und soviel sei im Anschluss an die I. Definition des Witzes durch Kant gesagt, als Vermögen, leicht Ähnlichkeiten wahrzunehmen, wurde verlagert von einer Disposition „dem Witz-haben“ hin zu einem Effekt „dem Witze-machen“.

Festzuhalten bleibt: Die Begriffsgeschichte des Witzes ist im 18. und 19. Jahrhundert eine Transformationsgeschichte. Diese muss zur Kenntnis genommen werden, indem die Gründe für den gewandelten Sprachgebrauch aufgespürt werden. Entscheidend ist, dass der heutige Sprachgebrauch von Witz die alte Verwendung des Ausdrucks vergessen lassen hat und einen langen Schatten über eine der interessantesten Beschreibungssprachen für Kreativität und schöpferische Leistungen gezogen hat.

Beispielhaft für das Vergessen des Witzes ist die Auseinandersetzung Freuds mit dem Witz. Er beginnt seine Untersuchung über den Witz und seine Beziehung zum Unbewußten mit der Aussage, dass man wohl zugestehen müsse, „dass die philosophische Bemühung dem Witz lange nicht in dem Maße zuteil geworden ist, welches er durch seine Rolle in unserem Geistesleben verdient“.(2) Außerdem kritisiert er die bisherigen Untersuchungen zum Witzbegriff dahingehend, dass der Witz immerzu auf das Komische reduziert worden sei. Es ist wohl Freud zuzugestehen, dass er aus seiner Sichtweise mit letzterem Kritikpunkt Recht hatte, jedoch erklärt sich diese Sichtweise aus der bereits angedeuteten Missachtung der mit dem 19. Jahrhundert einsetzenden Begriffstransformation vom „Witz-haben“ zum „Witze-machen“. Aus dieser historischen Ausklammerung erklärt sich dann auch die Fehleinschätzung Freuds, dass bisher dem Witz für das Geistesleben keinerlei Wert zugesprochen worden sei, denn hätte Freud die Quellen zum Witzbegriff weiter zurückverfolgt, so wäre er zweifelsohne erstaunt gewesen, welche immense Bedeutung ein einzelner Begriff für das Geistesleben spielen konnte.

Veröffentlicht in Einführung | Getagged , , | Kommentieren

Zur Etymologie von „Witz“

Ohne an dieser Stelle eine tiefgehende sprachwissenschaftliche Etymologie leisten zu wollen, geht der Begriff „Witz“ auf die indogermanische Sprachwurzel *uied- (vid) zurück. Interessanterweise haben sich aus derselben Sprachwurzel auch die Worte „wissen“ und „weise“ gebildet.(1) Genealogisch liegt die Gemeinsamkeit der Sprachwurzel in der optischen Sphäre des Sehens gegründet.(2) Sowohl eine Beziehung zur Kognition als auch zur Wahrnehmung ist demnach bereits in der Wortherkunft zu entdecken.(3) Außerdem bleibt festzuhalten, dass „Witz“ ursprünglich überhaupt keinen scherzhaften Sinn trug. So stand dann auch in der weiteren Sprachentwicklung „Witz“ im Althochdeutschen als „uuizzi“ oder „wizzi“ für das sowohl angeborene als auch erworbene Wissen und teilweise sogar für die Weisheit schlechthin. Diese Bedeutung blieb im mittelhochdeutschen Begriff „witze“ erhalten und verengte sich überdies auf Verstand, Klugheit und Einsicht. Besonders anschaulich wird die semantische Nähe zwischen Witz und Verstand in einigen negativen Formulierungen. So war der Narr „witze bar“ und die Bezeichnung für „den Verstand verlieren“ hieß „von (ûz) den witzen kommen“.(4) Die Beziehung des Witzes zu kognitiven Prozessen und zur Wahrnehmung ist also auf diesem eingeschlagenen etymologischen Pfad offenkundig und gemäß dem heutigen Verständnis scheint sie zumindest in einigen Bedeutungen erhalten geblieben zu sein, denn solche sprachlichen Gebrauchsweisen, wie die Rede vom „Mutterwitz“ oder die Aussage, „dass diese Person aber gewitzt sei“, künden nach wie vor von der Nähe des Witzes zum Verstand und zur Klugheit.

Veröffentlicht in Einführung | Getagged , , | Kommentieren

Jetzt mal Butter bei die Fische

Die vorläufige Vermutung, die diese Spurensuche trägt, lautet:

Das heutzutage oftmals leere Gerede über Kreativität findet durch die Rückbindung auf den Witzbegriff und auf analogische Denkformen im Allgemeinen eine unverzichtbare Bereicherung. Der Witz liefert eine Beschreibungssprache für ein Konzept von Kreativität und diese hilft den gegenwärtigen Missstand zu überwinden, dass zwar von allen Seite Kreativität gefordert wird, in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, eigentlich aber keiner so recht weiß, was damit gemeint sein soll.

Die Hoffnungslosigkeit dieser Begriffseinfalt auf die Spitze getrieben, wird dann bei so unsinnigen Konzepten wie der “creatio ex nihilo” (also der Vorstellung eines absolut voraussetzungslosen Schaffens aus Nichts) Zuflucht gesucht oder aber man findet sein Heil in psychologischen Modellen,  wobei die verschiedenen hoch differenzierten  Stufen- und Phasenmodelle den schalen Beigeschmack hinterlassen, dass der eigentlich kreative Akt aus dem Blickfeld gerät und zu einem bloßen Hiatus wird. Der Höhepunkt der Selbsttäuschung über Kreativität findet sich jedoch bei den Marktschreiern, die Kreativität einer instrumentellen Vernunft unterstellen und sie mittels so genannter Kreativitätstechniken zum Zwecke der Profitsteigerung verkaufen wollen.

Letztlich bleibt als Anspruch an diese Spurensuche festzuhalten:  Es ist von einem starken Kreativitätskonzept mehr zu erwarten als bloß von schicken Neologismen, wie dem lateralen, divergenten oder nicht-linearen Denken zu reden.
Die Auseinandersetzung mit dem Witzbegriff sollte dies leisten.

Veröffentlicht in Einführung | Getagged , , | Kommentieren

Über die Pflege einer Grille

Wieso der Witz? Das Thema ist eine Grille, die sich seit Jahren in meinem Denkhaushalt eingerichtet hat und die ich seitdem mit viel Aufwand zu pflegen versuche.  Höhepunkt des Versuchs diese Grille zu kultivieren, war zugleich der Gipfel des Scheiterns, der Grille mit den geordneten Strukturen einer wissenschaftlichen Abhandlung habhaft zu werden. Zudem gab mir ein großer Magister des Witzes zu verstehen, dass die Grillengattung mit meiner Grillenart gänzlich inkommensurabel sei – ich solle doch noch einmal meine affirmative Haltung gegenüber dieser Art überdenken, waren seine scharfen Worte.

So stand ich schließlich mit der tschirpenden Grille allein da, kein großer Wurf einer Klaviatur oder Notation, vielmehr blieb nur die Grille, die mal in die eine Ecke hüpfte und tschirpte und mal in eine andere Ecke und so schien es, gänzlich anders tschirpte. Meine Einschätzung blieb ein fragmentarisches Patchwork, die Lauffäden schienen rhizomatisch und die Sprünge der Grille ließen mich mit Diskontinuitäten zurück. Und weil mir immer mehr schien, dass diese Grille es liebt, den Jahrhunderte Jahre alten Begriff „Witz“ im postmodernem Gewand zu kleiden, entstand die Idee, ihr mit diesem Blog endlich ihren Freiraum zu gewähren. Denn in der Tat schafft ein Blog Raum für Diskontinuitäten, Sprünge und Fragmente – Bloggen ist selbst ein auf die Kontinuität angelegtes Schreiben, das allerdings erst im Bruch seine Kontinuität erfährt. In diesem Sinne ist auch dieses Medium eine Botschaft.

Veröffentlicht in Einführung | Getagged , , | Kommentieren