Begriffe in Bewegung

Ludwig Wittgenstein verglich in den Philosophischen Untersuchungen die Sprache mit einer alten Stadt – „ein Gewinkel von Gässchen und Plätzen, alten und neuen Häusern mit Zubauten aus verschiedenen Zeiten: und dies umgeben von einer Menge Vororte mit geraden und regelmäßigen Straßen und mit einförmigen Häusern.“(1) Diesen Vergleich als Warnschild hochgehalten, sei darauf hingewiesen, dass der hier verhandelte Witzbegriff zunächst wenig mit dem heutigen Gebrauch von Witz gemeinsam hat. So sei mittels einer Metaphorik angezeigt, dass der Witz im Zuge des 19. Jahrhunderts einer gewaltigen städtebaulichen Maßnahme unterworfen war. Er wurde aus den Vierteln, die eine Beschreibungssprache für die Anthropologie, Erkenntnistheorie, Rhetorik und Ästhetik lieferten, migriert in die Vergnügungsviertel der Stadt. Anders ausgedrückt: Der Witz als konstitutives Rad im Gesamtgetriebe menschlicher Vermögen, nämlich, und soviel sei im Anschluss an die I. Definition des Witzes durch Kant gesagt, als Vermögen, leicht Ähnlichkeiten wahrzunehmen, wurde verlagert von einer Disposition „dem Witz-haben“ hin zu einem Effekt „dem Witze-machen“.

Festzuhalten bleibt: Die Begriffsgeschichte des Witzes ist im 18. und 19. Jahrhundert eine Transformationsgeschichte. Diese muss zur Kenntnis genommen werden, indem die Gründe für den gewandelten Sprachgebrauch aufgespürt werden. Entscheidend ist, dass der heutige Sprachgebrauch von Witz die alte Verwendung des Ausdrucks vergessen lassen hat und einen langen Schatten über eine der interessantesten Beschreibungssprachen für Kreativität und schöpferische Leistungen gezogen hat.

Beispielhaft für das Vergessen des Witzes ist die Auseinandersetzung Freuds mit dem Witz. Er beginnt seine Untersuchung über den Witz und seine Beziehung zum Unbewußten mit der Aussage, dass man wohl zugestehen müsse, „dass die philosophische Bemühung dem Witz lange nicht in dem Maße zuteil geworden ist, welches er durch seine Rolle in unserem Geistesleben verdient“.(2) Außerdem kritisiert er die bisherigen Untersuchungen zum Witzbegriff dahingehend, dass der Witz immerzu auf das Komische reduziert worden sei. Es ist wohl Freud zuzugestehen, dass er aus seiner Sichtweise mit letzterem Kritikpunkt Recht hatte, jedoch erklärt sich diese Sichtweise aus der bereits angedeuteten Missachtung der mit dem 19. Jahrhundert einsetzenden Begriffstransformation vom „Witz-haben“ zum „Witze-machen“. Aus dieser historischen Ausklammerung erklärt sich dann auch die Fehleinschätzung Freuds, dass bisher dem Witz für das Geistesleben keinerlei Wert zugesprochen worden sei, denn hätte Freud die Quellen zum Witzbegriff weiter zurückverfolgt, so wäre er zweifelsohne erstaunt gewesen, welche immense Bedeutung ein einzelner Begriff für das Geistesleben spielen konnte.

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