Begriffsgeschichtlich bietet der Witz eine schier endlose Aussagenverkettung von Erläuterungen – der hat das geschrieben, weil der jenes und jener dieses schrieb. Vielleicht mag dies der Grund sein, weshalb der Witz so häufig zu begriffsgeschichtlichen Untersuchungen herangezogen wird (1). Und in der Tat eignet er sich hervorragend zu solchen Analysen. Über all die diskursiven Feinheiten, die eine solche begriffsgeschichtliche Betrachtung erst möglich machen und die ja auch notwendig ist, gibt es doch für die Interpretation einen klaren Bezugspunkt, wo der Witz diskursiv gerahmt wurde. Dieses Framing findet sich in der aristotelischen Philosophie und dies, man mag es kaum glauben, gleich unter dreifacher Perspektive – in der Rhetorik, Poetik und Topik.
In diesen Schriften von Aristoteles finden sich die Zeichen der Herkunft, weshalb Jahrhunderte später – begonnen mit der Renaissance des rhetorischen Denkens – der Witz als ingenium sowohl in einen Kontext mit der rhetorischen und poetischen Tropenbildung als auch mit der Begriffsbildung und Heuristik einer Erfindungskunst gestellt wurde. Ausschlaggebend für den diskursiven Rahmen des Witzes ist eine Textstelle aus der Poetik, in der das Verhältnis einer besonderen Begabung εύφυϊα, das spätere lateinische ingenium, zur Metaphernbildung beschrieben wird. Es heißt: „[…] es ist bei weitem das Wichtigste, dass man Metaphern zu finden weiß. Denn dies ist das Einzige, das man nicht von einem anderen lernen kann, und ein Zeichen von Begabung (εύφυϊα). Denn gute Metaphern zu bilden bedeutet, dass man Ähnlichkeiten zu erkennen vermag.(2) εύφυϊα ist also eine Voraussetzung für die Bildung von gelungenen Metaphern und diese Voraussetzung liegt in dem Akt, Ähnlichkeiten zu erkennen. Diese kognitive Voraussetzung für das Bilden von Metaphern wird in der Rhetorik weiter ausgeführt. Dort heißt es: „Metaphern sollen, wie oben gesagt, aus verwandten nicht offenkundigen Dingen gebildet werden, wie es ja auch in der Philosophie Charakteristikum eines richtig denkenden Menschen ist, Ähnliches auch in weit auseinanderliegenden Dingen zu erkennen. Archytas beispielshalber sagte, ein Richter und ein Altar seien dasselbe, denn zu beiden nehme der, der Unrecht erfährt, Zuflucht.“(3) Beide Aspekte, sowohl die Beziehung der besonderen Begabung zur rhetorischen Tropenbildung als auch der Akt eines Erkennen des nicht Offenkundigen durch die Zusammenstellung entfernter Dinge, sind im lateinischen ingenium und späteren Witz mit aufgenommen worden. Aber nicht nur in der Poetik und Rhetorik findet sich die Beziehung der Metapher auf die Analogie und von dort auf eine eigentümliche Ähnlichkeitenwahrnehmung und besonders begabten Disposition zu dieser, auch in der Topik als Organon (Werkzeug) der dialektischen Argumentation aus anerkannten Meinungen entdeckt der Leser das Sehen des Ähnlichen als konstitutives Vehikel topischer Argumentation. So schreibt Aristoteles zum Ende des ersten einführenden Buchs in der Topik: „Die Betrachtung des Ähnlichen ist nützlich für die induktiven Argumente und für die Deduktionen aus Voraussetzungen und für die Formulierung von Definitionen.“(4) Aristoteles schreibt also dem Betrachten des Ähnlichen als Organon kognitiver Akte per se einen Wert zu, er räumt insofern ein, dass das Sehen des Ähnlichen ein Modus der Welterschließung ist. Zudem hebt er in der Rhetorik hervor, dass die durch Analogie gebildete Metapher, die beim Zuhörer eine lebendige Plastizität produziert, Verstehen und Erkenntnis vermittelt. (5)
Insgesamt bleibt festzuhalten, dass Aristoteles entscheidend den diskursiven Rahmen, wie in den späteren Jahrhunderten über das ingenium und den Witz gesprochen wurde, geprägt hat. Und auch heutzutage ist er aus den spannenden Diskussionen über den Erkenntniswert von Metaphern nicht wegzudenken. Der Hinweis auf die herausragende philosophische Abhandlung Paul Ricoeurs La métaphore vive soll an dieser Stelle ausreichen, um den Beitrag von Aristoteles wertzuschätzen – die Idee Ricoeurs, die prädikative Struktur der lebendigen Metapher als Spannungsverhältnis zwischen Sein und Nicht-Sein zu beschreiben, die einen Spielraum für Neubeschreibungen schafft, ist unter anderem seiner Auseinandersetzung mit der aristotelischen Metapherntheorie geschuldet.
Der hier zu proklamierende Witz wird dieser lebendigen Metapher im Übrigen die Hand reichen!
